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Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen in der Aula der Ricarda-Huch-Schule

Am 14. April 1945 rückten amerikanische Truppen in Hagen ein und befreiten die Stadt von der Naziherrschaft. Der Verein HAGENER FRIEDENSZEICHEN organisierte eine Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen in der Aula der Ricarda-Huch-Schule. Über 600 Schülerinnen und Schüler aus vielen Hagener Schulen nahmen an der Veranstaltung teil. Am 12. April fand gemeinsam mit der VVN/Bund der Antifaschisten eine Kundgebung in der Hochstraße/Prentzelstraße statt. Dabei wurde daran erinnert, dass die Faschisten noch kurz vor Kriegsende 12 Kriegsgefangene und Antifaschisten in der Donnerkuhle ermordet hatten.

Rede zum sechzigsten Jahrestag der Befreiung Hagens

Rainer Stöcker

Vor genau 60 Jahren, am 14. April 1945, wurde der Schlussstrich unter das blutigste und dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte gezogen. An diesem Tag rückten amerikanische Soldaten in Hagen ein und setzten der Nazi-Diktatur ein Ende. Sie erreichten eine zerstörte Stadt.

Zwölf Jahre zuvor hatten die Faschisten ein Ende von Not und Elend in Aussicht gestellt und lauthals eine Schicksals- und Zeitenwende verkündet. Anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Hitler versprach der spätere Oberbürgermeister Vetter am 6. April 1933 im Stadtparlament, Hagen zu einem braunen Hauptquartier machen zu wollen. Der NSDAP- Abgeordnete Römer erklärte, vaterlandslose Politiker hätten Deutschland in Grund und Boden gewirtschaftet und einen Trümmerhaufen hinterlassen - eine Aussage, die präzise das Ausmaß der Zerstörung beschreibt, das die Nazis am Ende ihrer Herrschaft selbst hinterließen. Weite Teile der Stadt glichen einer Ruinenlandschaft; die Innenstadt war in Schutt und Asche versunken. "Wie leben noch!" Solche Worte, gerichtet an Verwandte und Freunde, schrieben Bürger auf die Mauerreste ihrer Häuser.

Viele Menschen jedoch erlebten das Ende des Faschismus nicht mehr. Nach offiziellen Angaben aus dem Jahre 1961 bezahlten 38 Regimegegner ihren Widerstand mit dem Leben. Hunderte von Antifaschisten waren inhaftiert. Viele, die mit schweren gesundheitlichen Schäden aus den Konzentrationslagern zurückkehrten, starben innerhalb weniger Monate und Jahre. Von 600 jüdischen Einwohnern des Jahres 1933 fiel ein Viertel dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer, die anderen hatten sich dem Tod durch rechtzeitige Flucht entziehen können. Unbekannt geblieben ist bis heute die Gesamtzahl der Bürger, die verfolgt und ermordet wurden, weil sie den Machthabern im Weg standen, anders dachten, anders waren, weil sie gegen die Willkürgesetze der Nazis verstießen oder sich einfach nur unbeliebt machten.

Mehr als 8000 Bürger starben infolge des Krieges, den die Faschisten von Anfang an geplant und auch in Hagen systematisch vorbereitet hatten. Die metallverarbeitenden Betriebe wurden in die Rüstungsproduktion einbezogen; bereits seit 1934 lieferte die Akkumulatorenfabrik in Wehringhausen U-Boot-Batterien für die Marine. "Luftschutz ist nationale Pflicht!" - erklärte die Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes: Worte, denen Taten folgten, als die Nazis für den späten Abend des 23. Oktober 1935 zur Abwehr künftiger Fliegerangriffe die totale Verdunkelung der Stadt anordneten - nur eine bloße Übung, aus der jedoch bitterer Ernst werden sollte.

Lang ist die Liste der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die an der so genannten Heimatfront in Hagen zum Endsieg der Nazis beitragen sollten und nie mehr nach Hause zurückkehrten. Sie bekamen trotz härtester Arbeit in den Fabriken nicht genug zu essen oder fielen der Willkür von Vorgesetzten und Wachpersonal zum Opfer. Hunderte kamen allein durch Bombenangriffe ums Leben, weil man ihnen den Zugang zu Schutzräumen und Bunkern verwehrte.

Weit mehr als 10.000 Bürger überlebten den Krieg nicht - einen Krieg, den die Faschisten gegen Teile der eigenen Bevölkerung bereits im Innern geführt hatten, bevor sie ihn auf die Nachbarländer ausdehnten. 10.000 - eine anonyme Zahl, die das persönliche Schicksal, die Leiden jedes einzelnen und den Schmerz von Angehörigen und Freunden nur schwer erahnen lässt. Dahinter verbergen sich Gesichter und Namen wie die von Wilhelm Bohne und Hanne Sachs.

Wilhelm Bohne, Kommunist aus Emst, musste tatenlos zusehen, wie alle seine drei Söhne wegen angeblichen Hochverrats verhaftet wurden. Sie hatten sich illegal betätigt und waren am Widerstand beteiligt gewesen. Ein Sohn starb nach Folterungen in der berüchtigten Steinwache in Dortmund, die zwei anderen mussten langjährige Haftstrafen antreten. Später sollte Wilhelm Bohne seine einzigen zwei Enkel verlieren. Sie wurden zum Militärdienst gezwungen und starben für ein Regime, gegen das sich die Familie unter großen Opfern zur Wehr gesetzt hatte.

1936 flüchtete die Jüdin Hanne Sachs zusammen mit ihrer Familie nach Holland. Die schrittweise Ausschaltung der jüdischen Mitbürger aus dem öffentlichen Leben, Boykott und tägliche Schikanen hatten ihr Leben in der Heimatstadt unerträglich werden lassen. Als deutsche Truppen vier Jahre später das Nachbarland überfielen, wurde die Situation der hier lebenden Juden lebensgefährlich. Großmutter und Tante wurden deportiert, ihr genaues Schicksal bleibt ungeklärt. Hanne Sachs, ihre Schwestern und Eltern konnten sich zunächst bei holländischen Familien verstecken. Dann wurden die Eltern verraten, nach Polen transportiert und im Konzentrationslager Sobibor ermordet. Hanne Sachs, die allein mit ihrer Schwester überlebte hatte, erfuhr erst nach dem Krieg, was mit ihnen geschehen war.

Bei den letzten freien Wahlen im November 1932 konnte die NSDAP in Hagen nur etwas mehr als ein Viertel der Stimmen für sich verbuchen; dennoch gelang es der Partei innerhalb kürzester Zeit, die Opposition einzuschüchtern, auszuschalten und ihren absoluten Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Terror allein ist keine hinreichende Erklärung. Es war das Schweigen der Mehrheit, das den Nazis den Weg frei machte. Es waren Anhänger, Sympathisanten oder Opportunisten vor allem aus der Mitte der Gesellschaft, die Unterstützung leisteten, sich bereitwillig unterordneten und so das Regime überhaupt erst möglich machten.

In vorauseilendem Gehorsam etwa ergriffen Lehrer die Eigeninitiative und fertigten, da zunächst noch keine neuen Lehrmittel vorhanden waren, eigenhändig Schautafeln an, mit denen die Überlegenheit der arischen Rasse nachgewiesen werden sollte. Die Justiz, die schon während der Weimarer Republik auf dem rechten Auge blind gewesen war, stellte sich vorbehaltlos in den Dienst der Faschisten. Bereits im April 1933 sprachen sich die Mitglieder des Richterbundes mit 37 gegen eine Stimme für den Beitritt in die NSDAP aus und beschlossen die Aufnahme in den antisemitisch ausgerichteten "Bund nationalsozialistischer deutscher Juristen". Es waren dieselben Richter, die zwei Jahre später einen Bürger aus Haspe wegen Hochverrats zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilten, weil er unter anderem der Frau eines politischen Gefangenen Eier aus der Hühnerfarm seiner Eltern geschenkt hatte. Es waren dieselben Richter, die während des Krieges ein 19-jähriges Mädchen mit dem Fallbeil hinrichten ließen, weil es ein paar Kleidungsstücke aus einem brennenden Haus mitgenommen hatte.

Mit Fortdauer des Regimes stieg die Zahl derer, die sich den Faschisten anbiederten. Die Denunziation von tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern erreichte bereits im November 1933 ein Ausmaß, vor dem sogar die Verfolgungsinstanzen schließlich kapitulierten. Polizeipräsident Herrmann warnte in einem Zeitungsaufruf vor einer "Anzeigen-Inflation", weil es dadurch der Behörde schwer gemacht werde, ihre ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit auf die wirklichen staatsfeindlichen und verbrecherischen Kreise zu richten.

Hagen war keine unschuldige Stadt, die gleichsam dem Faschismus in die Hände fiel. Auch hier schufen Nazis, Opportunisten, Denunzianten und Mitläufer eine Atmosphäre der Angst, der Bespitzelung und des gegenseitigen Misstrauens, die das Leben der Ausgegrenzten und Andersdenkenden unerträglich machte und jede unbedachte Äußerung zu einem unkalkulier-baren Risiko werden ließ. Hagen war eine Stadt auch der Täter, eine Stadt der allzu vielen, die sich zum Werkzeug von Willkür und Unrecht machen ließen, die bis zuletzt das Regime nicht in Frage stellten. Es gab keine kollektive Umkehr, selbst dann nicht, als das Ende offenkundig geworden war und alliierte Truppen vor den Toren der Stadt standen. Wie überall im Reich blieben die Befehlsstrukturen intakt; die Mordmaschinerie arbeitete bis buchstäblich fünf nach zwölf.

Am 12. April 1945 - Geschützdonner kündigte bereits das Ende an - holte die Gestapo zwölf Personen aus dem Gerichtsgefängnis und transportierte sie zur Donnerkuhle. Dort wurden die Männer, darunter Widerstandskämpfer, Zwangsarbeiter, ein so genannter Deserteur, erschossen und in einem Bombentrichter verscharrt. Sie waren die letzten Opfer eines Regimes, das bis zuletzt versuchte, den Untergang hinauszuzögern und Zeugen und Spuren seiner Untaten zu beseitigen.

Endgültig gezählt waren die Tage der Diktatur am 14. April 1945, als amerikanische Truppen in Hagen einmarschierten und die Stadt befreiten. Es war eine Befreiung in mehrfacher Hinsicht; es war die Befreiung der Opfer und eine Befreiung von den Tätern. Es war eine Befreiung von überzeugten Fanatikern, ihren Befehlsempfängern und Helfershelfern, von allen, die auf vielfältige Weise in das Regime verstrickt waren und bis zuletzt in Nibelungen-treue daran festhielten.

Der 14. April 1945 war der Tag der Befreiung für die Mutigen, die "Nein" gesagt hatten, für diejenigen, die in die innere Emigration gegangen waren und niemals "Ja" gesagt hatten, für die wenigen überlebenden jüdischen Bürger, für alle, die verfolgt worden waren. Mit dem 14. April 1945 endete der Krieg in Hagen. Insofern symbolisiert dieser Tag die Befreiung auch von den Schrecken des Krieges, der Fliegerangriffe, des allnächtlichen Sirenenalarms. Aufatmen konnten nun auch jene, denen es erst in den Luftschutzkellern dämmerte, dass die Nazis selbst das Feuer gelegt hatten, das jetzt über Hagen hinwegfegte.

Wenn wir uns heute mit den Ereignissen vor 60 Jahren beschäftigen, dann geschieht das nicht zum Selbstzweck. Es ist nicht nur ein Beitrag zu einem Thema, das gerade in diesen Tagen überall in den Medien präsent ist. Die Bewertung des 14. April beziehungsweise des 8. Mai 1945 als einen Tag der Befreiung ist auch Teil der Auseinandersetzung mit Neonazis, die Opfer und Täter bewusst verwechseln und - von ihrem Standpunkt durchaus folgerichtig - von einem Tag der Kapitulation und der Niederlage sprechen. Sich wirklich zu erinnern, heißt: der Opfer zu gedenken, ohne zu vergessen, wer die Täter waren. Sich wirklich zu erinnern, heißt, nicht zuzulassen, dass Geschichte von denen umgeschrieben wird, denen sie im Wege steht.



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