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Rede des Hagener Historikers Rainer Stöcker am 29. Mai 2006

Im Rahmen der Aktion "Stolpersteine" verlegte der Künstler Günter Demnig in der Mittelstraße drei Steine, die an die Opfer eines Überfalls der SA an dieser Stelle im Jahr 1931 erinnern.

Kundgebung zur Erinnerung an das Naziblutbad in der Mittelstraße 1931

Wir haben uns heute an dieser Stelle versammelt, um an ein Ereignis zu erinnern, das fast genau auf den Tag vor 75 Jahren die Stadt erschütterte und das seinerzeit weit über die Grenzen Hagens hinaus für Aufsehen sorgte: das Nazi-Blutbad vom 28. Mai 1931 hier in der Mittelstraße, als uniformierte SA-Männer mit schweren Armeepistolen auf protestierende Bürger und zufällig anwesende Passanten schossen. Insgesamt starben 3 Menschen, mehr als zwanzig weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Nach der Tat stellten die Nazis die Wahrheit auf den Kopf und stellten sich als Opfer ihres eigenen Überfalls hin. Der "Völkische Beobachter", das Zentralorgan der NSDAP, titelte, dass in Hagen der Parteigenosse Wagner von Kommunisten erschossen worden sei. Tatsächlich aber handelte es sich um einen jungen Man im Alter von 18 Jahren, der - wie seine Eltern dann mitteilten - keiner Partei angehörte und sich nur zufällig am Ort des Geschehens aufgehalten hatte. Als die Nazis ihre Version nicht mehr aufrecht erhalten konnten, änderten sie ihre Strategie. Im Prozess gegen die SA-Leute, der von November bis Dezember 1931 vor dem Hagener Schwurgericht stattfand, setzten ihre Verteidiger auf Notwehr. Einer davon war Roland Freisler, Anwalt aus Kassel, seit 1925 NSDAP-Parteimitglied und später dann Präsident des berüchtigten "Volksgerichtshofes", der unter anderem die Geschwister Scholl und die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 hinrichten ließ.


Seit 1930, als die NSDAP bei den Reichstagswahlen erstmals aus ihrer Bedeutungslosigkeit herauskam, verstärkten die Anhänger der Partei auch in Hagen ihre Angriffe auf alle, die ihnen im Weg standen, vor allem auf die hier besonders starke Linke. In verschiedenen Stadtteilen wurden Kasernen errichtet, von denen aus SA-Männer immer wieder Überfälle gegen bekannte Nazigegner und andere missliebige Personen starteten. So hatten Mitte Mai 1931, zwei Wochen vor den Ereignissen in der Mittelstraße, SA-Leute Mitglieder des sozialdemokratischen Reichsbanners angegriffen und mit Messerstichen verletzt. Bemerkenswert ist die Presseerklärung des Reichsbanners, in der vorhergesagt wurde, was später dann bittere Realität werden sollte. Darin heißt es:


"Wenn solche Methoden im politischen Kampf Norm werden sollten, dann ist es vorbei mit Kultur, Recht, Zivilisation und Menschenwürde. Dann wird auch die rauhe Gewalt, gepaart mit den niedrigsten Instinkten, wie fanatischer Haß, Saat und Dünger werden für Chaos und Untergang des Deutschen Reiches."


Diese Verlautbarung stammt vom 15. Mai 1931. Man kann sie in der "Volksstimme" im Stadtarchiv nachlesen. Keine zwei Jahre danach, am 1. April 1933, zeigte sich dann tatsächlich, wozu niedrige Instinkte und fanatischer Haß führten können. An diesem Tag richtete sich der Terror gegen die jüdischen Mitbürger, und wieder war auch die Mittelstraße Schauplatz des Geschehens. Wie überall war auch in Hagen zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen worden. Nach dem Motto "Kein Deutscher kauft noch bei einem Juden!" zogen SA-Posten vor den Geschäften auf, um die Bevölkerung am Betreten zu hindern. Die Käufer wurden aufgefordert, nur in christlichen Geschäften einzukaufen. Wie die örtliche NSDAP-Zeitung berichtete, hätten einige als "Volksverräter" bezeichnete Personen dennoch versucht jüdische Läden aufzusuchen. Noch gab es offensichtlich vereinzelt Menschen, die Zivilcourage zeigten und sich den Nazis mutig in den Weg stellten. Bald gab es sie nicht mehr. Die Regimegegner wurden brutal ausgeschaltet, und mit Fortdauer der Diktatur stieg die Zahl derer, die sich den Faschisten anbiederten. Nazis, Opportunisten und Denunzianten schufen eine Atmosphäre der Angst, des Misstrauens und der gegenseitigen Bespitzelung, die das Leben der Andersdenkenden und Ausgegrenzten unerträglich machte und jede unbedachte Äußerung zu einem unkalkulierbaren Risiko werden ließ.


Fünf Jahre später, in der so genannten Reichskristallnacht vom 9. November 1938, als die Gewalt gegen die jüdischen Bürger eskalierte und unter anderem die Schaufenster der jüdischen Geschäfte eingeschlagen wurden, waren auch hier, wo wir jetzt stehen, die Bürgersteige mit Glassplittern übersät. Immer wieder zog sich gerade durch die Mittelstraße die Spur des Terrors und der Verwüstung, das machen auch die Dokumente in der Vitrine deutlich. Ein Foto zeigt die mit Hakenkreuzen beflaggte Straße, ein anderes das, was 1945 von ihr übrig geblieben war. Die Innenstadt glich einer Ruinenlandschaft, die Mittelstraße war in Schutt und Asche versunken. Gewalt und fanatischer Hass hatten -wie im Mai 1931 vorhergesagt - Chaos und Untergang heraufbeschworen. Beides war Ergebnis eines Krieges, den die Faschisten von Anfang an geplant und auch in Hagen systematisch vorbereitet hatten. Die Metallbetriebe wurden in die Rüstungsproduktion einbezogen, die Akkumulatorenfabrik in Wehringhausen lieferte bereits seit 1934 U-Bootbatterien für die Kriegsmarine. "Luftschutz ist nationale Pflicht!" - erklärte die Ortsgruppe des Luftschutzbundes. Worte, denen Taten folgten, als die Machthaber für den Abend des 23. Oktober 1935 zur Abwehr künftiger Fliegerangriffe die totale Verdunkelung der Stadt anordneten - nur eine bloße Übung, aus der jedoch bitterer Ernst wurde.


Bevor die Nazis den Krieg auf die Nachbarländer ausdehnten, hatten sie ihn gegen Teile der eigenen Bevölkerung bereits im Innern geführt. Am 28.Mai 1931 forderte er in Hagen die ersten Opfer. Dieser Tag markiert den Beginn des braunen Terrors, der eineinhalb Jahre später dann staatlich sanktioniert und perfektioniert wurde. Unbekannt geblieben ist bis heute die Gesamtzahl der Bürger, die verfolgt und ermordet wurden, weil sie den Machthabern im Weg standen, anders dachten, anders waren, oder weil sie gegen die herrschenden Willkürgesetze verstießen.


Der 28. Mai 1931 zeigt, dass Faschismus nicht auf leisen Sohlen über Nacht kommt. Umgekehrt wird gerade in diesen Tagen deutlich, dass faschistische Tendenzen nicht automatisch wieder von der Bildfläche verschwinden. Eigenes Zutun und Engagement sind notwendig, um Entwicklungen zu stoppen, wie sie in Gewalttätigkeiten gegen Menschen mit anderer Hautfarbe momentan verstärkt zum Ausdruck kommen. "Von allen Mitbürgern, die Geisteskampf und Menschenwürde achten, erwarten wir, dass sie sich abwenden von diesen Mordbuben, dass sie uns helfen, diesem Bandenunwesen den Boden zu entziehen, indem man sie auch dann verachtet, wenn sie ihren Schandtaten ein politisches Mäntelchen umhängen." Diese letzten Worte stammen aus der bereits angesprochenen Erklärung des Reichsbanners vom Mai 1931. Sie haben nichts an Aktualität eingebüßt.


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